500 JAHRE

KIRCHE UERKHEIM

am Jugend- & Dorffest

Die Kirchen- und Baugeschichte 

Im früh erwähnten Uerkheim (um 893: «Urtihun») dürfte im 11. Jahrhundert

ein erstes kleines Kirchlein errichtet worden sein, das dem hl. Sylvester

geweiht war. Das eigentliche Dorf und der Weiler Hinterwil gehörten ursprünglich

zum Einzugsgebiet der Urpfarrei Schöftland.

Die ältere Baugeschichte der Uerkener Kirche ist wenig erforscht und deshalb

nur ansatzweise darstellbar. Als wichtigste Ereignisse sind der Bau des ersten

Kirchleins zwischen 1000 und 1100, dann um 1520 der Neubau bekannt, der

wohl zur Hauptsache aus dem Anbau des Chores bestand, während das alte

romanische Mauerwerk im Schiff bestehen blieb. Das heisst, im Hoch- und

Spätmittelalter dürfte das Gotteshaus in seinen Massen dem Grundriss des

heutigen Kirchenschiffs entsprochen haben. Vielleicht bestand schon seit dem

13. oder 14. Jahrhundert ein Choranbau, der jedoch deutlich kleiner gewesen

sein dürfte, als derjenige aus den frühen 1520er-Jahren. Dies bleibt ohne Befunde

von Bauforschung und Archäologie jedoch reine Spekulation.

 

 

 

 

 

Grundriss der Kirche von Uerkheim

Der Neubau des Jahres 1520/21 verhalf der Kirche Uerkheim zu ihrem heutigen Grundriss und mit dem Chor zu «einem Hauptwerk der spätgotischen Steinmetzkunst im Aargau» (Stettler). Die beeindruckende Qualität der Arbeit, lässt auf Handwerksmeister schliessen, deren Fertigkeiten auch in Stadt-, Kloster- und Stiftskirchen gefragt waren. So sind etwa Steinmetzzeichen im Uerkener Chor identisch mit solchen der kurz zuvor (1517–1520) erweiterten Stiftskirche in Zofingen, die ihrerseits Verbindungen zum Berner Münsterbau aufweist. Daran erinnert in Uerkheim die Ausmalung der Gewölbezwickel im Chor.

In Uerkheim muss es auch 1673 zu Erneuerungsarbeiten in der Kirche gekommen sein, wie eine ehemalige Bauinschrift (Jahreszahl am Gewände der Seitentüre zum Pfarrhaus) belegt. Überhaupt fanden im 17. und 18. Jahrhundert mehrfach grössere und kleiner Sanierungen statt.

 

Die Renovation von 1828 führte dann zu tiefgreifenden, den Innen- und Aussencharakter des Gebäudes deutlich verändernden Eingriffen. Im Schiff wurden 300 Jahre nach der Reformation wegen der stark gewachsenen Bevölkerung Emporen eingebaut. Um das umzusetzen, war eine Anhebung des Dachs notwendig, welches gleichzeitig eine deutliche Abflachung erfuhr. Im Innern wurde zudem eine Gipsdecke als Ersatz für die alte Holzdecke eingezogen und auf der Westeite der rundbogige Eingang mit Vorzeichen errichtet.

 

Der Dachreiter fand auf der Bedachung der Emporen einen neuen Standort, nachdem er vorher über dem Chor seinen Platz gehabt hatte. Dafür sprechen die 1994 anlässlich von Renovationsarbeiten vorgefundenen Artefakte im Bereich einer Chorrippe (Schleifspuren) sowie eine Öffnung in der Decke, die beide von einem Glockenseil stammen.

Damals wurden die hohen Fenster in die Südwand des Kirchenschiffes eingebaut. Das Wappen über dem Schlussstein des Chorbogens mit dem Leitspruch «Soli deo gloria» (Gott allein gebührt der Ruhm) geht ebenfalls auf diesen Umbau zurück.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bauinschrift mit Wappen und Leitspruch aus dem Jahr 1828

Weitere Renovationen wurden 1889, 1926 (Orgel), 1942 (Turm und Kirchenuhr) 1968/69, 1994 (Innenrenovation, u.a. die Deckenmalerei des Chores) und 1998/99 (Aussenrenovation) ausgeführt.

Das Innere

Die Kirche von Uerkheim, die trotz ihrer erhöhten Lage eher schlicht wirkt, verfügt im Inneren zunächst über das typische Inventar einer reformierten Kirche (Kanzel, Taufstein, Glasgemälde, ältere Epitaphien, Empore). Sofort nach dem Eintreten in das Gotteshaus ist der überaus kunstvoll ausgestalteten Chor erkennbar, der von grosser kunsthistorischer Bedeutung ist und zusammen mit den fünf Figurenscheiben zu den eigentlichen ‹Highlights› der Uerkener Kirche zählt. Den Durchgang vom Schiff zum zweistufig erhöhten Chor bilden zwei spitz zulaufende Chorbögen.


 

 

 

 

 

 

Historisches Bild der Innenansicht der Kirche Uerkheim in Richtung Chor


 

Der aus Sandsteinquadern gefertigte Chor weist ein einjochiges Netzgewölbe auf. Die Rippen steigen an den Polygonseiten aus runden Diensten (Säulen) mit geometrisch Mustern verzierten Basen (Sockel) zur Decke empor. Die Kapitelle der Säulen verfügen teilweise über pflanzliche Motive (Buckelblätter, Blumenkelche) auf.

 

 

Die Glasmalereien

Die Kirche von Uerkheim verfügt über einen alten und wertvollen Bestand an Glaskunst aus den frühen 1520er-Jahren. Die Scheiben wurden anlässlich des Chorneubaus um 1520/21 von der Stadt Bern, dem Chorherrenstift Schönenwerd und der Stadt Zofingen gestiftet. Heute sind noch fünf der ursprünglich sechs Scheiben erhalten, die zusammen mit einer zwischen 1880 und 1886 durch ein Unwetter zerstörten Figurenscheibe aus einem Ensemble von drei Stifter-Doppelscheiben stammen.

 

Das erste Ensemble befindet sich im zentralen Chorfenster. Es stellt eine Doppelscheibe des Standes Bern dar, die typischerweise in vorreformatischer Zeit (die Stiftung erfolgte 1520/21) aus einer St. Vinzenzen- und einer Bern-Reich-Scheibe bestanden. Die beiden Kunstwerke stammen ebenso wie das zweite Ensemble (Stift Schönenwerd) aus der Berner Werkstatt des Hans Funk (um 1470–1539). Dieser zählte zu den bedeutendsten Schweizer Glasmalern seiner Zeit.

 

 

 

 

Die Mondsichelmadonna kehrt zurück

 


Vier Konfirmanden der Kirchgemeinde Uerkheim haben einen Video gedreht zum Glasgemälde “Madonna auf der Mondsichel”, das 2001 vom Kunstdieb Stéphane Breitwieser aus der Kirche Uerkheim gestohlen wurde.
Filmpremiere war am 15. Dezember 2013 im Gottesdienst, in dem die Rückkehr des restaurierten Glasgemäldes in die Kirche gefeiert wurde.

https://youtu.be/ZTQ9sJ2RVPU

 

Die abenteuerliche Geschichte der «Mondsichelmadonna» von Uerkheim

Es ist Anfang September im Jahr 2001, als ein junger Franzose in Uerkheim haltmacht. Ausgerechnet in Uerkheim. Einem Dorf, das auch kaum ein Aargauer kennt. Doch der Elsässer geht zielstrebig die 52 Treppenstufen zur Kirche hinauf. Die Tür zur Kirche ist unüblicherweise verschlossen. Der Mann hat damit gerechnet.

Der Fremde in der Kirche will die Glasgemälde weder bestaunen noch fotografieren. Er ist gekommen, um eines davon mitzunehmen. Der Mann heisst Stéphane Breitwieser und hat in den vergangenen zehn Jahren in ganz Europa über 300 Kunstwerke gestohlen.

Die Uerkner Kirche ist klein, auch ihr Eingang ist es. Breitwieser bückt sich, um sich den Kopf nicht zu stossen. Drinnen ist es still und kühl. Vorne im Chor sieht er sie, die fünf Glasgemälde. Das Wertvollste ist die Madonna. «Mein Herz schlägt wie wild, nicht nur wegen der Gefahr, sondern wegen des Werkes, das ich bald besitzen werde», beschreibt Breitwieser später den Moment vor einem Diebstahl.

Er nähert sich der Madonna, will sehen, wie das 45 Zentimeter hohe und 36 Zentimeter breite Gemälde am Fenster befestigt ist. Um die Schrauben zu lösen, braucht er einen Schraubenzieher. Er verlässt die Kirche und holt im Auto das benötigte Werkzeug. Wieder zurück im Gotteshaus steigt er auf die Armlehnen der hölzernen Chorbank, um an die Madonna heranzukommen.

Hätte in diesem Moment ein Uerkner unten auf der Hinterwilerstrasse seinen Blick zur Kirche gehoben, er hätte die Umrisse des Mannes gesehen, der die Madonna aus der Halterung schraubt. Doch niemand schaut hinauf und Breitwieser verschwindet mit dem Glasgemälde.

Er will es nicht verkaufen. Wie all die anderen gestohlenen Kunstschätze wird auch die Uerkner Madonna sein Zimmer schmücken. Sie wird Teil seiner Sammlung werden. Von seinem Himmelbett aus wird er sie bestaunen und sich daran berauschen.

Zwei Monate nach dem Diebstahl in Uerkheim begeht Breitwieser einen Fehler. Er stiehlt im Richard-Wagner- Museum in Luzern, kehrt an den Tatort zurück und wird verhaftet. Es dauert eine Weile, bis der Polizei klar ist, wer ihr da ins Netz gegangen ist.

Von 1991 bis 2001 raubt er so Kunstschätze im Wert von über 20 Millionen Franken. Darunter Meisterwerke von Lucas Cranach, Pieter Brueghel und Albrecht Dürer. Leiten lässt er sich von seinem Geschmack. «Ich hätte auch einen Monet oder Degas stehlen können. Aber ich mag die Bilder dieser Maler nicht so sehr», sagt er später in einem Interview.

Nach Breitwiesers Verhaftung in Luzern kehrt seine Freundin Catherine, die ihn oft begleitet, sofort ins Elsass zurück und informiert Breitwiesers Mutter. Was dann geschieht, ist ein Akt von Mutterliebe und Dummheit: Breitwiesers Mutter gerät in Panik. Sie vernichtet die gesamten Kunstschätze ihres Sohns. Einen Teil wirft sie in den Müll. Den anderen in den Rhein-Rhône-Kanal.

Eine Woche später spaziert ein Rentner dem Ufer dieses Kanals entlang und fischt ein Horn, einen Dolch und Pokale aus dem Wasser. Er meldet seinen Fund der Polizei. Sofort wird der Kanal von Soldaten abgesucht: Sie bergen 110 Kunstgegenstände. Und die Uerkner, die staunen nicht schlecht, als auch ihre Madonna aus dem Kanal gefischt wird. Leider ist das Gemälde zerbrochen.

In Uerkheim versucht man nun, die Glasscheibe zurückzubekommen, will wissen, ob sie noch zu retten ist. Briefe wechseln die Grenze. Der damalige Aargauer Denkmalpfleger Jürg Andrea Bossardt erkundigt sich immer wieder nach dem Glasgemälde. Dann endlich gibt es gute Nachrichten: Am 25. März 2010 setzt sich Bossardt ins Auto Richtung Colmar. Alles klappt reibungslos.

Am gleichen Tag kehrt die zerbrochene Madonna zurück in die Schweiz. Obwohl mit Gesicht und Jesuskind die wichtigsten Fragmente des Gemäldes fehlen, setzt sich die Denkmalpflege für eine Restauration ein. 2013 ist es so weit, der Kanton spricht die benötigten 6500 Franken.

In Luzern arbeitet die Glasmalerin Sandra Wanner während 100 Stunden daran, das Glasgemälde wiederherzustellen. Sie verklebt die Bruchstellen mit Epoxidharz und malt das Gesicht von Madonna und Jesuskind neu. Das Schwierigste sei es gewesen den Gesichtsausdruck der Madonna wieder hinzubekommen, sagt sie.

Noch befindet sich das Glasgemälde in Luzern. Doch die Tage bis zur Rückkehr sind gezählt: Am 3. Advent [2013] feiern die Uerkner die Rückkehr ihrer Madonna mit einem feierlichen Gottesdienst.

Auszüge aus einem Text von Aline Wüst  in der «Aargauer Zeitung vom 9. November 2013.